Archiv 2010














Vortrag von Josef Reindl
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März 2010

Nachbericht der Veranstaltung
„Depressionen als gesellschaftlichs Phänomen“

Depressionen sind in unserer Zeit eine immer häufiger gestellte Diagnose. Häufig wird erst nach langer Odyssee wegen verschiedener körperlicher Leiden eine psychische Erkrankung als Ursache ermittelt.

Am 15. März 2010 trafen sich im Sitzungssaal von ver.di erfahrene Experten, um aus ihrer jeweils spezifischen Sicht darüber zu diskutieren, ob und wie das vermehrte Auftreten von depressiven Erkrankungen mit der aktuellen Entwicklung der Gesellschaft zusammenhängt.

In einem Grußwort der Gewerkschaft ver.di wies Lisa Summkeller auf die Häufigkeit der Depression bei den Pflegerisch Beschäftigten im Gesundheitswesen hin und begrüßte die Teilnehmer der Diskussion in den Räumen der Gewerkschaft.

Der Soziologe Josef Reindl vom Saabrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft eröffnete die Veranstaltung mit einem Referat, das einen Einblick in die Geschichte des Kapitalismus mit einer Darstellung der gesellschaftlichen Ursachen psychischer Erkrankungen verband.

In der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen neben Josef Reindl teil: der Neurologe und Psychiater Dr. Kurt Mutter, der Leiter der Landesvereinigung Psychiatrieerfahrener Peter Weinmann, die Individual-Therapeutin Beate Mahler und der Psychologe Lothar Schnitzler. Die Experten erläuterten ihre eigenen Erfahrungen mit von Depression Betroffenen und ihrer Strategie des Umgangs mit ihnen und der Erkrankung.

Zunächst schilderten die Diskussionsteilnehmer wie sie jeweils in ihrem Bereich mit dem Thema Depression in Berührung kommen. Der Schulpsychologe L. Schnitzler bezog auch das Aufmerksamkeits –Defizit – und – Hyperaktivitäts – Syndrom in diesen Formenkreis psychischer Auffälligkeiten bei Kindern mit ein, weil auch sie mittlerweile zu den sehr häufig diagnostizierten Störungen zählen.

Als Ursachen für das Auftreten von Depressionen wurde von den Teilnehmern auf unterschiedliche Aspekte verwiesen. Dazu zählen die bereits von Kindheit an erlebte Abhängigkeit und Undurchschaubarkeit der Umwelt, aber auch das Erleben von konfliktfreiem Zugang zu vielen Annehmlichkeiten des Lebens durch die Konsumgesellschaft, was das Erlernen des Umgangs mit Konflikten für Kinder sehr erschwert. Andererseits werden durch Filme und Werbung immer mehr Idealfiguren mit ausgeprägten Stärken und Fähigkeiten zum „Normalbild“ des Menschen, denen gegenüber sich die Kinder mit ihren eigenen Fähigkeiten immer unzulänglich fühlen. Dies trifft durchaus auch noch zu für Erwachsene, jedoch treten dort stärker die Anforderungen aus dem Arbeitsleben und dem weiteren sozialen Umfeld in den Vordergrund. Hier sind es dann vor allem die Durchsetzung der Maximalanforderungen an die Leistungsfähigkeit als Arbeitnehmer bei gleichzeitigem Fehlen der persönlichen Wertschätzung, oder auch schlichte physische und psychische Überforderung, die auf lange Sicht das Entstehen von Depressionen und sogenanntem Burn-Out als besonderem Weg in die Depression begünstigen.

Gerade in diesem Spannungsfeld „Anpassen an die Gesellschaft oder Anpassen der Gesellschaft an die eigenen Bedürfnisse“ liegt oft das Geschehen der Depression.

Je nachdem, ob das soziale Umfeld eines Menschen positive Emotionen oder Konfliktsituationen auslöst, können sich langfristig auch Depressionen entwickeln. Dabei sind sowohl individuell bereits vorhandene persönliche Eigenschaften des Umgangs mit Konflikten, aber auch äußere Faktoren, vor allem der psychische Ausgleich, das soziale Auffangen von negativen Erfahrungen, ausschlaggebend dafür, ob sich Depressionen entwickeln oder nicht. Die Theorie der „Endogenen Depression“, die sich scheinbar ohne äußeren Anlaß entwickeln, und auch vererbbarer Depressionen, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Bei der Frage, welche Erfahrungen sie mit den bestehenden Therapieangeboten machen, gingen die Einschätzungen in Bezug auf die möglichen Wege der Behandlung teilweise sehr weit auseinander. Der Neurologe als Standard-Therapeut verwies auf die Möglichkeiten sehr unterschiedlich dosierbarer medikamentöser Therapie, die ergänzt werden kann durch Psychotherapeutische Behandlung. Aus dem Umfeld der Psychiatrie-Erfahrenen gab es sowohl positive als auch negative Erfahrungen, besonders auch bezogen darauf, wie die persönliche Umwelt der Betroffenen auf diese Erfahrung reagiert und sich in so einer Situation verhält. Hier gilt es, die Aufmerksamkeit aller Menschen zu schulen für einen Umgang miteinander, der auch Abweichungen von einer „Norm“ zuläßt, so daß bestehende oder vermutetet Defizite nicht verstärkt werden. Als sehr schwierig erweist sich auch immer wieder für die Angehörigen die Hilflosigkeit, mit der sie selbst dem Krankheitsgeschehen beiwohnen. Dies wurde durch einer Zuschaueranfrage einer aktuell Betroffenen nochmals untermauert.

In der Therapie von Kinders zeigt sich häufig, dass das Elternhaus mit „behandelt“ werden müßte, was jedoch aus der Perspektive eines Schulpsychologen nicht möglich ist.

Die Behandlung mit Psychopharmaka wurde von allen Teilnehmern bei der Behandlung schwerer Fälle befürwortet, sowohl bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern. Die medikamentöse Behandlung von Kindern geschieht auch, damit die Kinder den gestellten Anforderungen hinsichtlich angepaßtem Verhalten im Unterricht nachkommen können. Insofern erfolgt durch die medikamentöse Therapie auch eine verbesserte Anpassung der Betroffenen an die Bedingungen ihres jeweiligen Umfelds.

Einen Ansatz der Prävention stellte Frau Mahler dar mit der Individualtherapie, von ihr auch als „Mut-Mach-Behandlung“ bezeichnet. Damit kann sie bereits im Kindesalter Grundlagen bereiten, damit Depressionen nicht erst entstehen.

Gemeinsamer Nenner war bei allen, daß die Therapie allein meist nicht hilft. Da die Menschen in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld bleiben, müssen sie selbst auch lernen, Strategien zu entwickeln, um mit den dort auftretenden Konflikten umzugehen – oder sich aus diesem Umfeld lösen. Aus der Sicht des Soziologen wurde klargestellt dass es wichtig ist, auf eine Änderung der Gesellschaft hin zu wirken, damit sie weniger als bedrückend und ausweglos empfunden wird, wie dies häufig bei den Betroffenen der Fall ist  - auch wenn ihnen diese Wahrnehmung in dieser Klarheit oft nicht bewußt ist. Demgegenüber steht jedoch, dass sich jeder Betroffene am besten trotzdem darum bemühen sollte, Wege zu finden, nicht Opfer einer Gesellschaft zu sein, sondern aktiv für sich selbst und seine Umwelt zu werden. Dazu gibt es in den unterschiedlichsten Organisationen und auch politischen Parteien viele Möglichkeiten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arbeitswelt.

Die sehr konstruktiv geführten Argumentationen wurden durch die Moderation von Regina Preysing zu gemeinsamen neuen Erkenntnissen geführt, so dass als Fazit die Aussage stand: Unsere Gesellschaft stellt Anforderungen, die für viele Menschen unerfüllbar sind, was sich auch in Depressionen äußern kann. Es gibt jedoch auch für jeden Wege hinaus aus diesem Zustand, dafür stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung, die je nach der konkreten Situation des Betroffenen genutzt werden können. Jede noch so gute Therapie bleibt jedoch erfolglos, solange sich im Umfeld der Betroffenen nicht ebenfalls etwas ändert, wozu die Betroffenen jedoch allein meist nur in geringem Maße beitragen können.

Daher ist ein wichtiger Schritt zur Verringerung von Depressionen die konsequente Umgestaltung der Gesellschaft hin zu mehr Gerechtigkeit und Sozialem Ausgleich, damit Erniedrigung und Überforderung mit als sinnlos empfundenen Anforderungen nicht länger systemimmanent sind. Daher erging der dringende Aufruf an die anwesenden Angehörigen der Partei DIE LINKE, sich für diese Ziele einzusetzen.