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Veranstaltungsbericht: Donnerstag, 26. Januar 2012

KUBA OHNE FIDEL?

Am 26. Januar 2012 fand ein gut besuchter Vortrag des freien Journalisten Knut Henkel* in den Räumen der Peter Imandt Gesellschaft zum Thema „Kuba ohne Fidel?“ statt. Unter der Moderation von Volker Jung* legte Henkel die aktuellen Probleme Kubas, insbesondere die notwendigen Veränderungen der Wirtschaftspolitik, dar. Optisch mit Folien unterstützt berichtete er über die Ankündigungen verschiedener Änderungen in Verlautbarungen von Raúl Castro, über die Beschlüsse des Parteitages im letzten Jahr, aber auch über die Widerstände aus der Bevölkerung gegenüber verschiedenen angekündigten Maßnahmen. Hier hob er vor allem hervor, dass es nicht gelungen ist, die vorgesehene Abschaffung der Libreta und andere soziale Einschnitte gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen.

Einige Hauptpunkte der vorgetragenen Veränderungen:
1. Durch Zulassung von weiteren Berufsfeldern, ca. 185, für Freiberufler und Genossenschaften sollen nach Möglichkeit bis 2015 1,8 Millionen Beschäftigte aus Staatsbetrieben und staatlichen Verwaltungen ihren Arbeitsplatz in diesen Bereichen finden.
Hauptprobleme hierbei seien der fehlende Großhandel zum Bezug der nötigen Waren zu Großhandelspreisen und die nicht vorhandene Praxis der Kreditvergabe durch Banken an Kleinunternehmer.
2. Zurzeit werden 80% der Landwirtschaftsprodukte importiert, während gleichzeitig etwa die Hälfte des Agrarlandes brach liegt.
Aus diesem Grund beschloss der Parteitag eine Landwirtschaftsreform, welche zuerst einmal eine private Bewirtschaftung von 13 ha für 10 Jahre pro Betrieb vorsah. Dies wurde inzwischen auf 67 ha und 25 Jahre erhöht. Außerdem ist jetzt auch der Direktverkauf ihrer Produkte an Hotels usw. freigegeben.
3. Henkel wies daraufhin, dass inzwischen auch die Bereiche, in denen Cuba Spitzenpositionen in der Welt erreicht hat, wie Bildung, Gesundheit und Sozialsystem, Gefahr laufen Rückschritte zu machen. Insbesondere im Bereich Bildung sei es inzwischen zu Lehrermangel gekommen durch lukrativere Beschäftigung im touristischen Sektor.
4. Zwar habe Cuba die höchste Akademikerquote aller Länder Lateinamerikas, trotzdem fehlen insbesondere Agrotechniker und andere Ingenieure.
5. Cuba sei inzwischen mit ca. 20 Mrd. Dollar Auslandsverschuldung eines der höchst verschuldeten Länder Lateinamerikas.
Als Hauptproblem wird die geringe Produktivität in Cuba gesehen!
In der anschließenden Diskussion wurde ein breites Feld angesprochen: von der Gefahr der Biotechnologie, in der Cuba Weltspitze ist, über die Altersstruktur der Kommunistischen Partei, der Problematik , dass Cuba im weltweiten Finanzkreislauf keine Kredite bekommt, bis zu Fragen nach den Reisemöglichkeiten in Cuba. Viele Fragen konnten kenntnisreich beantwortet werden. Der Moderator wies noch darauf hin, dass es neben all den angesprochenen Problemen nach wie vor herausragende Leistungen Cubas gibt. So ist dieses kleine Land weit vorn im Bereich der erneuerbaren Energie und hat als einziges Land der Welt beide Kriterien des Ökologischen Fußabdrucks (Sozial- und Umweltentwicklung) erreicht. Große Hoffnungen setzt das Land auf die riesigen Ölvorkommen vor seiner Haustür, das jetzt wohl bald trotz des US-Embargos gefördert werden kann.

*Knut Henkel ist freier Journalist aus Hamburg mit dem Schwerpunkt Lateinamerika, er schreibt für das ND, die TAZ, Argument, Amnesty International und andere.

*Volker Jung, pensionierter Eisenbahner aus Saarbrücken, ist Ansprechpartner der Freundschaftsgesellschaft BRD-Cuba im Saarland, Mitglied der Internationalen Kommission der DKP und bereiste Cuba in den letzten Jahrzehnten mehrfach.